Netzwerktreffen 02/2019

Nachbericht

4. April, 2019 | 18:00 – 20:00 Uhr
Pensionistenklub der Stadt Wien, 12., Meidlinger Hauptstraße 4

„Gemeinsam statt einsam“ lautet das Schwerpunktthema des Aktionsnetzwerks ALT SEIN UND GUT LEBEN 2050 für das Jahr 2019. Dazu gibt es am 1. Oktober 2019 in Wien ein großes Symposium im diskussions-offenen Format eines Barcamps: ALTTAG2019.

Expert*innen und Betroffene berichten und diskutieren im Rahmen des zweiten Netzwerktreffens über das Thema »Freudvoll aktiv nach der Pensionierung«.

Teilnehmer u.a.
Univ.-Prof. Dr. Franz Kolland, Institut für Soziologie, Uni Wien
Helmo Pape, Generation Grundeinkommen
Dr. Leopold Stieger, Buchautor „Freitätigkeit. Zwischen Beruf und Ruhestand“

 

Fotos vom Netzwerkabend 02/2019

 

Impulsvortrag von Dr. Leopold Stieger, Pionier der Personalentwicklung in Österreich

Im Eröffnungs-Vortrag von Leopold Stieger ging es darum, wie man „die geschenkte Lebensphase nach dem Beruf und vor dem Ruhestand“ durch freudvolles Tun mit Sinn füllen kann – ganz unter dem Motto „Freitätigkeit im (Un-)Ruhestand“.

 

Wachküsser im Unruhestand

Leopold Stieger gilt als Pionier der Personalentwicklung in Österreich – er gründete 1972 die „Gesellschaft für Personalentwicklung“ und blieb bis zum Jahr 2004 deren geschäftsführender Gesellschafter. Nach der Übergabe der Firma an zwei seiner vier Söhne dachte er aber nicht im Traum daran, in den so genannten „wohlverdienten Ruhenstand“ zu gehen – im Gegenteil:
Frei nach dem Motto „Wer rastet der rostet“ schuf er die Plattform »seniors4success« für die ältere Generation – konkret für Menschen rund um die Pensionierung: „Um sie wach zu rütteln, an sich selber und an ihre Talente zu denken. Ich sehe so viele Menschen, die es ablehnen, über die Zeit nach ihrem Beruf nachzudenken“, so Stieger.

Seniors 4 success

In einem Interview wurde Stieger mal gefragt, ob er sich als „Wachküsser“ sieht, der den Menschen zeigt, dass in ihnen viel mehr Potential, Wissen und Können steckt, als diese glauben. Der Begriff gefällt ihm nach wie vor sehr gut.

Früher war man es gewohnt, dass die dritte Lebensphase (siehe Grafik) der „Ruhestand“ wäre. Mein Großvater zum Beispiel hat bis 65 arbeiten müssen, danach war er daheim und etwas bedient, dann etwas krank und wieder etwas da, bis er dann gestorben ist. Und das war damals üblich und selbstverständlich – und die Gefahr ist, dass wir das heute noch genauso sehen, mit einer kleinen Ausnahme: Dass wir noch ein paar Jahre gesund und fit sein werden und nicht wie beim Großvater gleich die Pensionierung beginnt und alles rapid bergab geht. Heutzutage werden wir aber durchschnittlich und grundsätzlich älter und bleiben länger gesund: Die Lebenserwartung steigt heutzutage alle 24 Stunden um 6 Stunden! Und die Zeit kann und soll man sinnvoll und sinnstiftend nutzen.

Die Herausforderung: Talente des Alters entdecken

Es geht nicht vordergründig darum, eine Beschäftigung zu finden, sondern eine Herausforderung. Und die Herausforderung besteht darin, dahinter zu kommen: Was sind denn meine Talente? Und dabei nicht nur diejenigen, die einem gleich einfallen, sondern auch die versteckten … und die Frage: Wie finde ich sie?
Im meinem Buch »Freitätigkeit« habe ich versucht, in 15 Schritten Menschen bei der Suche nach ihrer Mission und Vision zu helfen und zu motivieren. Es genügt aber nicht, dass Buch durchzublättern, sondern eine mühsame Tätigkeit, die 15 Fragen zu beantworten und dann mit den ersten Ergebnissen zu kritischen Freunden und Reibebäumen zu gehen und Feedback, Infos und Ideen zu holen – so das das wächst. Das ist durchaus harte Arbeit, aber es kann sich lohnen und es kann etwas entstehen und wachsen.

Durchhängen oder durchstarten?

Ich selbst kann und muss die Entscheidung treffen, ob ich mit der Pension in der Hängematte liege oder etwas Neues machen möchte, dass mir persönlich Freude bereitet und mir gut tut. Dieses „Durchstarten“ ist eine Entscheidung, die nicht aufgeschoben werden darf, denn es läuft leider eine Uhr. Und je später ich mir die Frage stelle, in der dritten Lebensphase, umso geringer sind die Chancen, etwas zu finden. Man gewöhnt sich eventuell in der ersten Zeit der Pension an das Bild des Großvaters, man beginnt sich „langsamer zu bewegen“ und dies nicht aus physischer Schwäche, sondern weil man es sich altersgerecht so vorstellt. Sind Gedanke erst so geprägt darauf, lösen sie im Körper diese Vorstellungen aus. Also küssen Sie sich selbst wach und bleiben werden Sie nach der Pensionierung FREI und TÄTIG, Geist und Körper werden es Ihnen danken!

Ein kurzes Video zum Thema des Vortrags von Leopold Stieger gibt es hier (klicken):
Wie man die „geschenkte Lebensphase“ nach dem Beruf und vor dem Ruhestand durch freudvolles Tun mit Sinn füllen kann.

 

 

Beiträge, Themen und Ideen aus der DISKUSSIONSRUNDE

Zusammenfassung von Wolfgang Rath (Foto)
Vorstand des Aktionstionsnetzwerks »Alt sein und gut leben 2050«

Die Erfahrungen Einzelner zeigen, dass erst das Bewusstsein geschaffen werden muss, nach dem Arbeitsleben einer Beschäftigung nachzugehen, die auch Freude und Spaß macht. Dagegen spricht die Erfahrungen, dass bei den meisten Menschen die Arbeit mit Entbehrungen, Schweiß und Tränen verbunden ist. Zu sehr ist man unter Druck und Stress gestanden. Wir müssen, um im Berufsleben bestehen zu können, oft eine Maske tragen oder eine Rolle einnehmen und wenn wir sie dann ablegen, bleibt oft nur eine Leere übrig.

Mit der Phase der Pension verbinden wir das Gefühl, endlich am Ziel angekommen zu sein und das goldene Zeitalter bricht an. Die Enttäuschung ist den Menschen ins Gesicht geschrieben, wenn diese hohen Erwartungen nicht erfüllt werden können. Sie fallen öfters in ein strukturelles und emotionales Loch.

Die Altersforschung spricht beim Altern von einem Anpassungsprozess, der geprägt ist von den eigenen Mustern, Gewohnheiten aus der Vortätigkeit und dem eigenen Lebensstil. Veränderungen gehen daher nur langsam voran. Viele suchen in der Pension ihre Struktur und den Halt in der eigenen Familie.

Das Familienleben ist für viele Menschen bedeutsam. Das Wissen über das Gebrauchtwerden und der Kontinuität gibt Sicherheit, auch wenn es die Großfamilie im gemeinsamen Haushalt nicht mehr gibt, so ist der Kontakt zu den Kindern und Enkelkindern ein wesentlicher Lebensinhalt.

Alle wollen alt werden jedoch nicht alt sein – Altern wird negiert. Die Menschen wollen jung bleiben und sie beschäftigen sich zunehmend mit dem eigenen Körper – im Sinne: Ich bin mir wichtig – was sich als positive Konsequenz daraus ergibt.

Wir werden immer älter und auch gesund älter. Wir haben eine Lebenserwartung in der Pension von durchschnittlich 20 Jahren, die genutzt werden können. Jedoch für über 40 % der Pensionisten/innen ist diese Lebensphase eine Qual – ihnen ist oft langweilig.

Es wird deutlich länger dauern, bis das Bewusstsein um ein längeres Leben vorhanden ist. Erst die heute 20-jährigen stellen neue Ansprüche an den Lebenslauf – man wird in Zukunft länger arbeiten müssen, um überhaupt eine ausreichende Pension genießen zu können.

Das Wirtschafts- und Gesellschaftssystem muss sich neu organisieren und sich an den Bedürfnissen der Menschen orientieren. Arbeit muss sich in Zukunft anders definieren – hin zu sinnstiftenden Tätigkeiten, wo sich der Beruf und das Privatleben vereinbaren lässt. Es braucht neue Biografien und das speziell im Alter!

 

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Über das Aktionsnetzwerk ALT SEIN UND GUT LEBEN 2050

Das Alter ist eine besondere Lebenszeit. Es ist wichtig, ein Bewusstsein, eine Sensibilität für das Altern zu schaffen: Was braucht man als älterer Mensch, vor allem wenn es weg vom Berufsalltag hin in Richtung Pension geht? 
Die Grundidee hinter unserem Netzwerk erklärt auch unseren Namen: Die Babyboomer, also die heutige Generation um 50+ gestaltet ihre eigene Zukunft, wenn sie dann im Jahr 2050 um bzw. über 80 sind. Wir schärfen den Ausblick, dass wir 2050 auch alt sind und entsprechende Hilfe brauchen – und damit die Frage: Wie und woher bekommt man die dann eigentlich? Ist diese dann selbstverständlich da oder muss ich mich darum kümmern?
Es gibt keine zuverlässigen politischen Konzepte und deshalb müssen wir unsere Zukunft selbst gestalten, in vielen Bereichen – von der Alternativmedizin zur Bauwirtschaft, über die Finanzierung bis hin zur Vorsorge.
2050 werden wir dreimal so viel über-80-Jährige haben – die demographische Entwicklung ist ein brennendes Thema. Sind dann die Pensionen, ist das Leben gesichert? Können wir den Wohlstand, den wir heute spüren, auch 2050 noch halten?

Was wollen wir?

Wir wollen im Alter aktiv und selbstbestimmt leben, wir wollen viele soziale Kontakte haben. Wir wollen sinnvoll unterstützt leben und eine Wahlmöglichkeit haben, nicht abhängig sein, eingebettet in ein gutes abgestimmtes Miteinander – unabhängig davon, ob ich fit bin oder ob ich Hilfe brauche. Kurzum: Wir wollen das Leben selbst gestalten, auch wenn wir über 80 sind!

Wie arbeitet das Netzwerk?

Wir vernetzen alle Beteiligten zu diesen Themen: Von der Wissenschaft über die Wirtschaft bis zur Politik mit denjenigen, die in der Praxis stehen bzw. arbeiten und mit den Betroffenen. Es geht uns darum, gemeinsam neue Ideen und Prototypen zu entwickeln und daraus Projekte ins Leben rufen, diese zu begleiten und zu evaluieren. Wir entwickeln interdisziplinäre Modelle und lernen gemeinsam … so wie zB an einem Netzwerkabend, wo viele Professionist*innen aus unterschiedlichen Bereichen zusammenkommen und sich austauschen. Das Aktionsnetzwerk moderiert diesen Dialog, fasst Ergebnisse zusammen und stellt diese zur Verfügung, auch auf unserer Facebook-Site.