Interview mit Klaus Schwertner

Herr Klaus Schwertner ist Geschäftsführer der Caritas der Erzdiözese Wien

Wie alt sind Sie 2050?
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Wie stellen Sie sich Ihren Lebensabend vor? Wo werden Sie leben, wie werden Sie betreut sein?
(schmunzelt) Die Frage war zufällig gerade Familienthema, weil in unmittelbarer Nähe unserer Wohnung ein neues Caritas-Haus eröffnet hat. Ich habe vier Kinder und bis vor kurzem hätte ich gesagt – ich will dort alt sein, wo meine Kinder sind, wo Alltagskontakt einfach möglich ist ohne lange Fahrtzeiten und ohne, dass wir den Kindern zur „Last“ fallen. Letzteres ist ja eine Sorge vieler älterer Menschen. Nach dem Schiurlaub letzte Woche in Gastein könnte ich mich auch bewusst für den ländlichen Raum entscheiden. Meine Frau und ich haben uns jedenfalls noch nicht im benachbarten Caritashaus angemeldet. Noch haben wir ja ein wenig Zeit und auch, weil uns beim Reden klar wurde: Vielleicht sollten wir noch 25 Jahre warten und schauen, welche Konzepte dann „neu“ sind …

Was ist Ihnen dann besonders wichtig?
Mich beschäftigt das Thema Demenz sehr – das ist familiär bedingt. Ich habe schlicht Angst, dass ich wie damals meine Großmutter erkranke. Sie wurde zuerst von ihrem Lebensgefährten gepflegt, dann hat sie bei uns gewohnt und schließlich noch etliche Jahre in einem Pflegehaus verbracht. Die Persönlichkeitsveränderung hat sie zu einem anderen Menschen gemacht – emotional war das für mich als Jugendlicher schwer. Um auf die Frage zurückzukommen: Die Würde des Menschen in den Blick zu nehmen, ist mir immer besonders wichtig – das kann zu unterschiedlichen Zeitpunkten etwas anderes bedeuten, und irgendwann auch das Thema Sterbehilfe berühren. Ganz grundsätzlich gesprochen glaube ich: Man sollte an der Hand und nicht durch die Hand eines anderen Menschen sterben dürfen. Und hier gibt es – wenn es um das Begleiten von Menschen am Ende ihres Lebens und um die Wichtigkeit der Hospizarbeit geht – glücklicherweise auch einen breiten Konsens in Österreich. Allein: Bislang fehlt es an den notwendigen Mitteln. Wir sind in der Hospizarbeit noch immer auf Spendengelder angewiesen. Der Hospizgedanke ist deshalb auch Gegenstand unserer aktuellen Kampagne, die wir mit dem Wortpaar „WIE > WIE LANGE“ überschrieben haben. Ich habe viel über das „Wie“ und das „Wie lange“ nachgedacht … das Thema wird an Bedeutung gewinnen – für uns als Einzelperson und für uns als Gesellschaft. Das schwierige dabei: Ältere Menschen haben heute oft die Sorge, ihren Nächsten und der Gesellschaft zur Last zu fallen. Das ist fatal und macht deutlich: Es muss uns gemeinsam gelingen, endlich ein leistbares und flächendeckendes Netz der Fürsorge für sterbende Menschen zu knüpfen. Erst danach ist es legitim über Sterbehilfe zu reden. Davor nicht. Ich bin deshalb auch sehr froh, dass im Pflegefond jetzt explizit Mittel für die Hospizarbeit gewidmet sind. Das ist ein guter Schritt.

 

Und auf der persönlichen Ebene: Worauf werden Sie bis zum Schluss nicht verzichten wollen?

  • Persönliche Privatsphäre – auch wenn ich pflegebedürftig bin.
  • Nicht das Gefühl zu haben, dass ich am Abstellgleis stehe bis ich sterbe
  • Hohe Lebensqualität bis zum Schluss wäre auch fein – mir ist Sport, Reisen und Natur sehr wichtig – das will ich möglichst lange machen
  • Und ich hoffe auf ein gutes Verhältnis zu meinen Kindern

 

Angenommen Ihre Sozialsituation verändert sich dramatisch. Ihre Kinder siedeln in ein anderes Land oder Sie haben gar keine Kinder, die Pensionen reduzieren sich auf eine Mindestsicherung etc. Wie müssten die Strukturen in Österreich aussehen, damit Sie 2050 immer noch gut leben?
Ich frage gerne Menschen nach ihrem größten Wunsch – so hab´ ich diese Frage vor kurzem auch einem jungen Flüchtling gestellt. Er hat gesagt: ein gutes Leben in Sicherheit. So einfach – und so schwer. Mein Wunsch im Umgang mit alten Menschen wäre, dass es uns als Gesellschaft auch in Zukunft gelingt, eine am Menschen orientierte Pflege sicherzustellen und auch hier Sicherheit zu bieten. Wir haben in Österreich im Grunde ja ein gut funktionierendes Gesundheitssystem. Doch im Moment wirkt es so als würde man beim Landeanflug, also am Ende des Lebens, gezwungen, ohne Fallschirm aus dem Flieger zu steigen. An diesem so heiklen Punkt des eigenen Lebens ist man vielfach auf sich alleingestellt. Das gute Leben in Sicherheit bis zum Ende – das müssen wir wohl erst für alle organisieren. Ansatzpunkte sehe ich beim Thema „Generationenwohnen“ und zwar nicht nur familienintern, sondern auch „grätzlintern“.
Sorge habe ich auch, dass man sich zu sehr auf technische Lösungen fokussiert, weil es da jetzt Gelder dafür gibt, und zu wenig auf neue Ansätze in der Gemeinwesenarbeit. Wir brauchen übergreifende Projekte und daher auch übergreifende Förderlogik.
Der Schatz, den wir bei alle den Fragen haben, ist das Engagement der österreichischen Zivilgesellschaft. Darauf bin ich unheimlich stolz, weiß aber auch: Es braucht Begleitmaßnahmen und finanzielle Anerkennung. 80 % der hochaltrigen Menschen werden zu Hause von Angehörigen gepflegt. Das heißt vermehrt, 70ig-Jährige pflegen 95ig-Jährige – mit allem, was das für deren Gesundheit bedeutet.
Abgesehen von dem alt bekannten Problem, dass Frauen, die lange Angehörige betreuen, selber von Altersarmut bedroht sind. Diese Menschen zu unterstützen und zu begleiten – das ist eine der zentralen Aufgaben der Zukunft. Denn diese Angehörigen – das ist klar – sind der größte und wichtigste Pflegedienst der Nation.

 

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