Interview mit Katharina Wiesflecker

Landesrätin Katharina Wiesflecker, Die Grünen,  ist in der Vorarlberger Landesregierung für Soziales, Frauen, Pflege, Kinder und Jugendliche verantwortlich

Wie alt werden sie 2050 sein?
Ich habe es mir vorher gerade ausgerechnet. 86. Wenn ich es denn erreiche.

Wie stellen Sie sich Ihren Lebensabend vor? Wo werden sie leben, wie werden sie betreut sein?
Ich möchte in Würde alt werden. Und dann auch in Würde sterben. Ganz zentral dabei: Ich möchte möglichst vieles selbst entscheiden können. Natürlich möchte ich möglichst gesund und fit sein, auch im Kopf. Meine Mutter war dement, da habe ich miterlebt, wie schwer das Leben mit dieser Krankheit wird. Hoffentlich trifft mich das nicht.

In Gemeinschaft leben ist mir wichtig, vielleicht in einer Form Wohngemeinschaft. Je nachdem, ob mein Partner noch lebt. Ich kann mir gut vorstellen, dass es da Wohnformen geben wird, die mir heute noch fremd erscheinen.

Gut betreut und begleitet sein möchte ich natürlich auch. Da ich nur eine Tochter habe, wird das wohl anders aussehen, als bei meinen eigenen Eltern. Sie sind in den letzten Jahren gestorben. Mein Vater, meine drei Geschwister und ich haben uns die Betreuung meiner Mutter aufgeteilt. Das ging sich noch aus. Am Schluss ging das nicht mehr, da nahmen wir die professionelle Begleitung und Pflege eines Heimes in Anspruch. Mit den richtigen Weichenstellungen sollte es aber auch morgen funktionieren, dass man Menschen im hohen Alter gut begleitet und unterstützt. Da muss der Sozialstaat eine Rolle übernehmen.

Angenommen die soziale Situation verändert sich komplett. Wie müssten die privaten und öffentlichen Strukturen in Österreich aussehen, damit sie 2050 noch gut leben können?
Wir brauchen ein sehr gutes Netz für die ambulante und stationäre Versorgung. Und zwar so ausgebaut, dass auch deutlich mehr Menschen wie heute gut betreut werden können. Unsere Leitlinie im Land ist da ganz klar: so viel wie möglich ambulant, so viel wie notwendig stationär. Eine gute Versorgungsstruktur zu haben ist das Eine. Aber: Die Qualität und Haltung der Menschen, die in den Einrichtungen arbeiten, ist mindestens ebenso wichtig. Wir wollen doch alle, dass man uns auch im hohen Alter wertschätzend und freundlich behandelt.

Ganz großes Potenzial nach oben sehe ich in der Prävention, dass sich die Menschen selbst gesund halten, geistig wie körperlich. Das müssen wir so früh wie möglich fördern.
Und es gibt sicher auch noch ein paar Bereiche, an die wir heute noch überhaupt nicht denken.

Wenn Sie die Lebensrealität alter Menschen heute mit dem Zukunftsbild von „Alt sein und gut leben“ vergleichen – wieviel % fehlen?
In Vorarlberg haben wir in der ambulanten und stationären Pflege einen sehr hohen Standard. Da fehlt nicht viel. Das zu halten verlangt allerdings viel Arbeit heute.

Unsere 66 Hauskrankenpflege-Vereine denken da beispielsweise ganz intensiv darüber nach. Die sind ja stark in der Gesellschaft verankert, manche sind über 100 Jahre alt. Alle sind vom solidarischen Grundgedanken getragen. Man bezahlt lange einen Mitgliedsbeitrag und wenn man dann irgendwann mal Pflege braucht, kriegt man die kostenlos oder gegen sehr geringe Gebühr. Das ist ein sehr gutes System. Aber inwieweit das zukunftsfähig ist, ob die Solidarität in der Gesellschaft das auch morgen trägt? Da bin ich sehr froh, dass unsere Pflegevereine mit deren Dachverband in einem Strategieprozess die Weichen für die eigene Zukunft stellen.

Alles in allem wie weit sind die heutigen Maßnahmen, die in Ö gesetzt werden, sinnvolle Beiträge zu einem guten Leben im Alter? Skala 1-10
Ich habe einen guten Einblick in Vorarlberg und teilweise in Tirol. Ich kann es aber nicht für ganz Österreich sagen.

Fürs Ländle würde ich das zwischen 6 und 7 ansiedeln. Letzten Freitag war ich gerade auf einer Zertifikatsverleihung für Pflegeheime. Die haben sich in einem 5-jährigen intensiven Prozess für die bestmöglich gerontopsychiatrische Betreuung qualifiziert. Das ist echte Pionierarbeit. 9 Heime im Ländle sind bereits zertifiziert, 12 weitere durchlaufen gerade den Prozess. Und die restlichen nehmen wir dann mit. Ich habe bei der Verleihung einen Fachmann gefragt, ob es so etwas auch in anderen Bundesländern gibt. Nur sehr vereinzelt, meinte der. Das imponiert mir, dass wir so etwas im Ländle gern und gut in die Breite bringen.

Seit ungefähr 2 ½ Jahren bauen wir im Land ein regionales Care-Management auf. In 19 Planungsregionen sollen eigene Care-Managerinnen und -Manager alle Mitspieler an einen Tisch bringen um die notwendigen Angebote für gute Pflege und Betreuung im Alter sicherzustellen. Da vernetzen wir Gemeindepolitik mit ambulanten, stationären und teilstationären Anbieter und Organisationen aus angrenzenden Bereichen.  Unsere Planungen beziehen sich auf eine Perspektive bis etwa 2030.

Die Kernfrage: Was müssen wir in unserer Region mit unseren gewachsenen Strukturen tun, dass alte Menschen auch in Zukunft gut betreut sind. Es gibt einfach Unterschiede zwischen Stadt und Land. Wie müssen wir die Familien unterstützen, wie müssen wir den ambulanten Bereich ausbauen, was brauchen wir im stationären, was brauchen wir dazwischen, etwa andere Wohnformen. Die Regionen planen eigenständig ihre Maßnahmen, im Rahmen der Landesvorgaben. In 12 der 19 geplanten Regionen ist das Care-Management schon aktiv.

In wie weit tragen konkrete Projekte, Maßnahmen und Initiativen in Ihrem Kompetenzbereich zu einem guten Leben im Alter bei?
Bei uns tut sich da sehr viel, einiges habe ich ja schon genannt. Die Subsidiarität, die Eigeninitiative, hat im Ländle eine sehr starke Tradition. Engagierte Menschen nehmen viele Dinge selbst in die Hand, das Land unterstützt. Die Kleinheit unseres Bundeslandes macht einiges einfacher. Man kennt die Leute, man weiß, was die anderen tun. Da ist es leichter, sich zu vernetzen.

Ein Beispiel dafür ist Demenz. Da gibt es seit vielen Jahren zahlreiche tolle Initiativen. Vom Demenzkalender, der das Thema mit Humor beleuchtet über Aktionen in Schulen bis zur Sonderausstellung im Landesmuseum. Was mir persönlich besonders gut gefällt, ist die Zertifizierung zur demenzfreundlichen Gemeinde. Wo sich eine Gemeinde oder Stadt breit aufstellt und sagt: Demenzkranke Menschen sind für uns was ganz Normales, da gibt es einen gesamtgesellschaftlichen Auftrag. Aktuell sind 42 Modellgemeinden mit dabei, drei Gemeinden – Dornbirn, Rankweil, Lustenau – sind ausgezeichnet. Eine nette Aktion in dem Rahmen:  Polizisten lernen, was Demenz bedeutet und wie sie mit Betroffenen gut umgehen.

Wir wissen alle, dass es heute viele Stolpersteine gibt und das Thema „Alt sein“ fragmentiert angegangen wird. Welche Grenzen und Bruchstellen müsste man Ihrer Meinung nach aufheben?

Die Schnittstelle zwischen Pflege und Gesundheit ist eine große Herausforderung. Das sind zwei ganz unterschiedliche Systeme, das bemerken wir immer wieder. Vor allem die Finanzierungssysteme, die da dahinterstecken, sind nur schwer kompatibel. Da sind sich dann alle darüber einig, dass eine Maßnahme sehr sinnvoll wäre, nur … es verändert sich nur sehr langsam. Wir bleiben dran.

Sie haben einen guten Überblick zum Thema Alter. Das Netzwerk bringt eine neue Qualität an Vernetzung. Was wären die Forschungsfragen und Pilotprojekte, die Sie gerne ausprobieren würden?
Welche Player soll man an einen Tisch bringen?
Eine zentrale Frage ist die Finanzierung des gesamten Systems.
Eine zweite Frage, die ich sehr wichtig finde, ist der Umgang mit dem Sterben. Wer über Alter spricht, spricht auch über das Ende des Lebens. Das ist aber mehr und mehr ein Tabu-Thema geworden. Ich finde, das braucht deutlich mehr Raum.
Ein drittes Thema, das ich als sehr relevant sehe, ist das Verhältnis zwischen den Generationen. Wie haltbar ist der Generationenvertrag? Wie kann man ihn neugestalten?

 

 

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*