Interview mit Tatjana Fischer

Mag.a Dr.in Tatjana Fischer, BOKU Wien, Institut für Raumplanung, Umweltplanung und Bodenordnung (IRUB)

Wie alt sind Sie 2050?
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Wie stellen Sie sich Ihren Lebensabend vor? Wo werden Sie leben, wie werden Sie betreut sein?
Ich bin vorbereitet. Ich habe keine Erwartungen an mein Kind, weil ich bereits vorgesorgt habe: Ich habe eine Patientenverfügung und mir ein barrierefreies Umfeld geschaffen.
Auch die Inanspruchnahme von Sterbehilfe schließe ich im Fall der Fälle nicht aus.

Was ist Ihnen dann besonders wichtig?
Hygiene und ein gutes Gespräch.
Und Selbstdisziplin bis zuletzt.

Worauf werden Sie bis zum Schluss nicht verzichten wollen?
Ich möchte auf keinen Fall eine Belastung sein, ich möchte von dieser Welt gehen, wann ich es will.

Angenommen Ihre Sozialsituation verändert sich dramatisch. Ihre Kinder siedeln in ein anderes Land, die Pensionen reduzieren sich auf eine Mindestsicherung etc. Wie müssten die Strukturen in Österreich aussehen, damit Sie 2050 immer noch gut leben?
Ich habe die Ansicht, dass der öffentlichen Hand, namentlich dem Bund, hier  massive (raum-)planerische Kompetenz zugeschrieben werden muss, damit die Strukturen gut aufgestellt sind. Das finde ich wichtig! Die große Frage wird sein, wie Mindestversorgungsqualitäten in Zukunft definiert werden – insbesondere in Hinblick auf die soziodemografische Entwicklung hin zu mehr (Alters-)Armut. Desweiteren bin ich davon überzeugt, dass wir die stationären Versorgungsstrukturen neu denken werden müssen. Ich vermute, das Altenwohnheim wird eine Renaissance erleben, weil die selbst geschaffenen Wohnumfelder nicht hinreichend adaptiert werden können. In unmittelbarer räumlicher Nähe zum häuslichen Umfeld wird es für viele betreuungs- und pflegebedürftige Menschen nicht die Infrastruktur und das soziale Setting geben, die es für ein selbstbestimmtes Leben zuhause braucht.
Deshalb wird die Lebenszufriedenheit im Alter sehr ungleich verteilt sein und zwei Pole aufweisen: Der eine wird durch jene markiert, die sich (unabhängig vom Erwerbsstatus) weiterhin alles kaufen können und/oder über ein sehr stabiles soziales Netz verfügen. Der andere fasst jene Gruppe an Personen zusammen, die die Merkmale Armut und soziale Isolation in sich vereinen. Hier sehe ich massive sozialpolitische Herausforderungen.

Denken Sie bitte an medizinische Versorgung, soziale Eingebundenheit Wohnsituation, kulturelle Möglichkeiten?
Das ist sehr schwer vorherzusagen, weil ich nicht weiß und (noch) nicht die Erfahrung gemacht habe, auf welche Grundbedürfnisse wir uns im Alter fokussieren werden. Sind es ausschließlich physische Grundbedürfnisse wie essen, schlafen, sich waschen (können), oder wird die ungebrochene Möglichkeit zur Selbstverwirklichung von wesentlicher Bedeutung für die Definition von Lebensqualität im hohen Alter sein?
Diese aus meiner Sicht zentrale Frage werden wir uns stellen (müssen)!

 Wenn Sie die Lebensrealität alter Menschen heute mit dem Zukunftsbild von „Alt sein und gut leben“ vergleichen – wieviel % fehlen?
Die ehrliche Auseinandersetzung mit dem Thema „alt werden“ fehlt, da die Vision „gut leben 2050“ mit heutigen Augen konstruiert wird. Fatal für dieses Leitbild ist, dass wir das Alter – sprich das Defizitäre – weiter nach hinten in unser Leben verschieben, wir die Einbußen an Lebensqualität mit Eintritt in das sog. „Vierte Lebensalter“ aber sehr intensiv wahrnehmen werden. Das wird uns einiges an Lebensfreude kosten.
Deshalb halte ich die Auseinandersetzung von Fragen und Möglichkeiten der individuellen Vorsorge für essentiell wichtig. Dass hier die Potenziale generell nicht ausgelotet werden (können), wissen wir. Deshalb braucht es ein gutes Austariertsein von Eigenverantwortung und gesellschaftlicher Verantwortung. Es ist nicht mehr zeitgemäß, dennoch sollten Meinungsmacher und Entscheidungsträger auch einmal die defizitäre Brille aufsetzen und den (schleichenden) Prozess des Alterns auch als das sehen, was er für uns alle am Ende bereit hält: das Ausklingen und Vergehen. Diese terminale Phase wird von großer Heterogenität geprägt sein.

 Alles in allem wie weit sind die heutigen Maßnahmen, die in Ö gesetzt werden, sinnvolle Beiträge zu einem guten Leben im Alter? Skala 1-10
Würden die Menschen die vielfältigen Angebote zur Gesundheitsförderung tatsächlich nutzen und könnten sie diese auch in ihr Leben einbauen (Hinweise zu guter Ernährung, Sport betreiben,..), könnten sie bereits heute wichtige Beiträge zu ihrer zukünftigen Lebensqualität leisten.
Die von uns geschaffenen räumlichen Strukturen hingegen stehen einem guten Leben diametral entgegen: weite Wege, unattraktive Fußwege, Abhängigkeit vom Auto, fehlende Durchmischung von Wohn- und Versorgungsinfrastruktur.
Was wir in Zukunft stärker ins Visier nehmen müssen, ist die Qualität unserer physisch-haptischen Netzwerke. Ist jemand da, wenn ich Hilfe brauche? Wie lange dauert es, bis die helfende Person bei mir eintrifft?
Die Zwänge des Alltags lassen es vielfach nicht (mehr) zu, unsere sozialen Netze zu pflegen. Bewusst wird uns das erst im Anlassfall werden.

 In wie weit tragen konkrete Projekte, Maßnahmen und Initiativen in Ihrem Kompetenzbereich zu einem guten Leben im Alter bei? Skala1-10
Wir stehen am Anfang, wenn es um die objektive Bewertung der Ansätze und Maßnahmen geht. Auch an belastbaren empirischen Daten könnte es (schon) mehr geben. Deshalb: Stufe 3.

Wir wissen alle, dass es heute viele Stolpersteine gibt und das Thema „Alt sein“ fragmentiert angegangen wird. Welche Grenzen und Bruchstellen müsste man Ihrer Meinung nach aufheben?
Man müsste eine Enttabuisierung ausgewählter Themen vornehmen und eine kritische Reflexion der gängigen Altersbilder zulassen.
Interessant wird sein, welche Merkmalsbündel das Gros an älteren Menschen auf sich vereint. Ich vermute, Altersarmut wird zu einem verbindenden Faktor werden. Auch Fragen der Zeitverwendung sollten kritischer erörtert werden. Hier stellt sich folgende entscheidende Nebenfrage: Wie viele Personen werden das Bedürfnis und die Möglichkeit haben, der Gesellschaft (im Alter) etwas zurückzugeben?

Eine weitere Herausforderung ist die unterschiedliche Sichtweise der Fachdisziplinen an das Thema „Alt sein und gut leben“. Es ist Zeit, den Dialog anzustoßen und auch zu kultivieren! Letztlich bedürfen auch die sozialpolitischen Paradigmen einer intensiven inter- und transdisziplinären Auseinandersetzung. Ein meines Erachtens sehr diskussionswürdiges Paradigma in Bezug auf das sog. Vierte Lebensalter ist „mobil vor stationär“. Hier scheint die ökonomische Zentrierung voll durch.
Wie wir es drehen und wenden: Die älteren Menschen werden mehr werden und dadurch (selbst) die demographische Alterung sicht- und spürbar machen. Darüber darf nicht auf die Anliegen der Zugehörigen zu allen anderen Altersgruppen vergessen werden. Sorge bereiten mir in diesem Zusammenhang Kinder und Jugendliche.

 

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