Interview mit Gerhard Hartinger

Prof. DI Mag. Dr. Gerd Hartinger MPH, Geschäftsführer der Geriatrischen Gesundheitszentren der Stadt Graz

 Wie alt sind Sie 2050?
88 Jahre

Wie stellen Sie sich Ihren Lebensabend vor? Wo werden Sie leben, wie werden Sie betreut sein?
Ich stelle mir vor in der Nähe vom Klinikum hier in Graz zu wohnen, da ich hier bereits eine Alterswohnung gekauft habe – diese räumliche Nähe zum Klinikum ist allerdings Zufall (lacht). Mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist das Stadtzentrum und alles weitere gut erreichbar, denn ich möchte auch im Alter am Kulturleben teilhaben. Meine Frau ist Ärztin, daher bin ich wahrscheinliche bestens betreut. Barriere und behindertengerechtes Wohnen – alles ist bereits im werden.

Was ist Ihnen dann besonders wichtig – worauf werden Sie bis zum Schluss nicht verzichten wollen?
Vor allem möchte ich auch der Gesellschaft viel zurückgeben und die Gesellschaft positiv mitgestalten. Ansonsten werde ich mich wohl etwas zurückziehen, möchte solange wie mögliche Sport betreiben und viel lesen. Zudem möchte ich das angesammelte Expertenwissen fruchtbar weitergeben (z.B. unterrichten).
Wenn man unsere neuen Pflegewohnheime sieht, den Pflegaufwand, dann möchte ich ungern meine Familie – wenn es nötig sein sollte – mit meiner Betreuung belasten, denn es gibt sehr gute Strukturen. Ich kann mir gut vorstellen, in einem Pflegewohnheim der vierten Generation meine letzte Lebensphase zu verbringen. Wichtig ist mir der soziale Friede und dass wir eine Versorgung vorfinden, die den Namen verdient – also eine, behutsam und mit Bedacht geplante und realisierte abgestufte Versorgung. Natürlich müssen wir sehr auf die Finanzierbarkeit für die Gesellschaft achten. Wir müssen uns selbst mehr einbringen, die Einstellung, der Staat ist für alles da erzeugt ein unerfüllbares Anspruchsverhalten. „Den Wert einer Gesellschaft misst man daran, wie sie mit ihren schwächsten Gliedern umgeht.“

Angenommen Ihre Sozialsituation verändert sich dramatisch. Ihre Kinder siedeln in ein anderes Land, die Pensionen reduzieren sich auf eine Mindestsicherung etc. Wie müssten die Strukturen in Österreich aussehen, damit Sie 2050 immer noch gut leben?
Ich nehme an, dass die mediale Entwicklung so sein wird, dass man immer noch an der Familie teilhaben kann, auch wenn man räumlich getrennt ist. Wir müssten neue Initiativen kreieren, die positive Multiplikator-Projekte ermöglichen – weg vom „der Staat macht alles“ hin zu bürgernahen Lösungen und Varianten. Zum Beispiel das Ehrenamt, das sehr wertvoll ist und teilweise schon sehr gut funktioniert. Es geht darum, mit wenig Geld viel Wirkung zu erzielen. Hierbei wäre wichtig, dass sich die Länder auch als Steuerungsverantwortliche sehen, sich auf die Vernetzung der Versorgung konzentrieren und weniger als hoheitliche Kontrollorgane. Es wäre wichtig, von der hoheitlichen Denkweise in eine Orientierung der Dienstleistung zu kommen, wie wir es jetzt bereits häufig in skandinavischen Staaten vorfinden.

Denken Sie bitte an medizinische Versorgung, soziale Eingebundenheit Wohnsituation, kulturelle Möglichkeiten?
Wenn wir die Qualifikationen und gute Versorgungsstrukturen diskutieren, müssen wir von einem überzogenen Anspruchsverhalten wegkommen und eine gute Versorgungs-Logistik aufbauen. Es kann nicht sein, dass überall ein Pflegewohnheim oder Klinikum steht, hier müssen wir rückbauen, dafür PHCC aufbauen. Mir wäre wichtig, dass man mit Kompetenzzentren (Best point of Care) Qualifikationen schafft und so zu wohnortnahen Lösungen kommt. Es geht nicht darum, dass PolitikerInnen Geschenke machen, um bei nächsten Wahlen punkten zu können. Es geht um “best point of Service” und “best point of Care”, es geht um Nachhaltigkeit. Ich mache mir Sorgen, dass wir Österreich mit dem bestehenden Anspruchsverhalten in den Ruin führen. Überregional und strategisch Denken wird noch wichtiger werden.

Wenn Sie die Lebensrealität alter Menschen heute mit dem Zukunftsbild von „Alt sein und gut leben“ vergleichen – wieviel % fehlen?
Im Vergleich zu manchen südlichen und östlichen Nachbarn ist die Situation aktuell nicht gut, bezogen auf 2050 fehlen uns aber noch 80%. Zum skandinavischen Raum fehlt uns allerdings auch jetzt schon einiges.

Alles in allem wie weit sind die heutigen Maßnahmen, die in Ö gesetzt werden, sinnvolle Beiträge zu einem guten Leben im Alter? Skala 1-10
2-3

In wie weit tragen konkrete Projekte, Maßnahmen und Initiativen in Ihrem Kompetenzbereich zu einem guten Leben im Alter bei? Skala1-10
9

Wir wissen alle, dass es heute viele Stolpersteine gibt und das Thema „Alt sein“ fragmentiert angegangen wird. Welche Grenzen und Bruchstellen müsste man Ihrer Meinung nach aufheben?
Ich beginne im Kleinen und darf als Beispiel bringen, wie man ELGA falsch angegangen ist und Ressourcen vergeudet und Qualität verloren hat. In Finnland hat man ein ELGA-System, in Österreich benötigen wir beinahe 20 ELGA-Systeme. Wir sind in der Geriatrie und im Pflegewohnheim voll angeschlossen und haben nichts davon. Ein unheimlich aufwendiges Verfahren und wir müssen feststellen, dass das für unsere BewohnerInnen/PatientInnen nichts bringt, weil die Befunde erst 8 – 28 Tage später kommen. Große komplexe Projekte muss man multiprofessionell angehen – die Professionalität für komplexe Projekte scheint häufig noch zu fehlen.
Zweiter Hauptwunsch wäre, dass man mehr weg von der Politik mehr auf Expertensysteme umsteigt. Die Komplexität nimmt zu und man sollte mehr auf ExpertInnen setzen. Dazu gehören klare und rasche Entscheidungswege. Fonds wären als Rechtsträger gar nicht so schlecht geeignet. Um der Geschwindigkeit des Change und der Komplexität gerecht zu werden müsste man Netzwerke fordern.
Ich bin auch für föderale Strukturen, aber im 21. Jahrhundert macht es keinen Sinn, dass wir uns in allen Bereichen so fragmentieren, wie z.B. in der Pflegeheim-Gesetzgebung. Wir sind viel zu wenig reformfreudig, da müssten wir dringend harmonisieren. Wir könnten dabei von den Besten in Österreich und in Skandinavien bis Neuseeland lernen, aber wir brauchen da eine strategische Herangehensweise – die Welt wird global und wir ziehen uns zurück in unser Schneckenhaus.
Rechtlich und finanziell muss man Gesundheit, Kassensystem und Pflege gemeinsam als kommunizierende Gefäße denken und planen – aktuell behindern wir uns eher gegenseitig. Die Gesetzgebung muss mit der Zeit mithalten und darf moderne Lösungen nicht behindern.

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