Interview mit Margit Scholta

Dr.in Margit Scholta, Soziologin, Ehrenvorsitzende von Pro Senectute Österreich

Wie alt sind Sie 2050?
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Wie stellen Sie sich Ihren Lebensabend vor? Wo werden Sie leben, wie werden Sie betreut sein?
Da es keinen objektiven „Beginn des Lebensabends“ gibt, fällt mir spontan mein höheres Lebensalter, also 80+, ein – soferne ich das erlebe. Das ist allerdings ein zeitlicher Horizont, der sehr schwer gedanklich vorwegzunehmen ist.
Ich möchte einigermaßen körperlich und geistig gesund mit meinem Mann im gemeinsamen Haus leben – mir ist jedoch bewusst, dass ich das nicht bestimmen kann. Ich möchte aber auf jeden Fall dort leben, wo ich möglichst so weiterleben kann, wie ich es gewohnt bin, möchte allerdings nicht ganz alleine sein.
Sollten wir oder ich im Alltag Unterstützung benötigen, werden wir auf fremde Menschen angewiesen sein.

 Bezogen auf eine Organisation, möchte ich von aufmerksamen, respektvollen fachkundigen Personen betreut werden, die  liebevoll mit mir umgehen.

Was ist Ihnen dann besonders wichtig?
Wirtschaftliche Unabhängigkeit gibt mir Sicherheit; dh. es soll kein anderer entscheiden können, was ich mit meinen finanziellen Mitteln mache.
Hierbei sehe ich die Themen Selbstbestimmung und Autonomie als Qualität an.
Wo immer ich bin, ich möchte für mich alleine einen Raum – eine Rückzugsmöglichkeit haben. In einer Organisation lebend möchte ich das Recht haben, mich rausnehmen zu dürfen. Ich möchte das Recht haben, nicht an „gut gemeinten“ Veranstaltungen teilnehmen zu müssen – es ist wichtig, Angebote zu haben, möchte aber selbst bestimmen, ob ich teilnehme oder nicht. Wenn ich gefragt werde, würde ich mich auch gerne bzgl. Programm oder Inhalten zu Wort melden oder mitarbeiten.

Mich interessiert auch der Austausch mit anderen Kulturen. Es geht hierbei auch um einen offenen Umgang. Ich fühle mich durch die Vermischung der Kulturen nicht bedroht, es sollte für alle die Ausübung der persönlichen Spiritualität möglich sein und jede Religion Respekt und Wertschätzung erfahren.

Worauf werden Sie bis zum Schluss nicht verzichten wollen?
Ich möchte auf meinen privaten Raum (im buchstäblichen Sinne) nicht verzichten.   

Angenommen Ihre Sozialsituation verändert sich dramatisch. Die wirtschaftliche Situation verschlechtert sich, die Pensionen reduzieren sich auf eine Mindestsicherung etc. Wie müssten die Strukturen in Österreich aussehen, damit „alt sein und gut leben“ im Jahr 2050 trotzdem möglich ist?
Zuerst stellt sich für mich die Frage, ob dieses Szenario für alle eintritt oder nur für mich – daraus entstehen unterschiedliche Reaktionen. Falls das ein allgemeiner Einbruch ist und nicht manche Informierte die Mittel beiseite geschafft haben, sollten die Dinge zur Verfügung gestellt werden, die wir alle für den Grundbedarf benötigen. Eine Aufrechterhaltung dieser Strukturen muss gegeben sein. Bleiben Einkommens- und Vermögensunterschiede bestehen, soll sich dies auch bei der Inanspruchnahme von Leistungen auswirken.

Wenn ich bedenke, wie deutlich sich die Strukturen, Ansprüche und Lebenssituationen in den letzten 20 Jahren verändert haben, kann ich keine Prognose für die kommenden 34 Jahre stellen.

Denken Sie bitte an medizinische Versorgung, soziale Eingebundenheit Wohnsituation, kulturelle Möglichkeiten?
Medizinische Versorgung muss so organisiert und gewährleistet sein, dass nicht nur die gut Informierten die guten Leistungen bekommen, sondern dass es ein qualitätsvolles Angebot gibt – für alle!
Man sollte auch auf die soziale Einbettung achten, also kulturelle Teilhabe und Teilgabe wünschen, ermöglichen und zulassen. Bzgl. kultureller Möglichkeiten, ich denke an Vorträge, Kino oder Theater, kann man dies auch mit neuen Medien bewerkstelligen, die damit einhergehenden sozialen Kontakte hingegen bedingen die physische Begegnung der Menschen.

Wenn Sie die Lebensrealität alter Menschen heute mit dem Zukunftsbild von „Alt sein und gut leben“ vergleichen – wieviel % fehlen?
Es fällt mir schwer, eine allgemeine Antwort zu geben, da ja auch heute die Lebensrealität nicht existiert und sich das vermutlich noch mehr differenzieren wird. Wahrscheinlich wird meine heutige Einschätzung 2030 schon nicht mehr zutreffen. Es gibt viele unterschiedliche Realitäten im Alter und Vorstellungen über das Alter. Die finanzielle Absicherung ist grundsätzlich gegeben, allerdings treten die Unterschiede zwischen niedrigen und hohen Pensionseinkünften immer deutlicher zutage. Es stellt sich auch die Frage, welches Zukunftsbild realisiert werden soll.
Atmosphärisch besteht allerdings Entwicklungsbedarf – es sollte in der Gesellschaft ankommen, dass ältere Erwachsene noch einen längeren Lebensabschnitt vor sich haben können. Die Bevölkerung muss damit umgehen lernen, dass hier eine Gruppe von Menschen herangewachsen ist, die sich nicht im Altenteil am Abstellgleis sehen, sondern die präsent sind und mitreden – und mitbestimmen wollen. Da braucht es noch viel Ermutigung, denn viele „Betroffene der Altenarbeit“ sagen uns bei Befragungen nicht ihre Meinung, sondern das was sie glauben, dass wir hören möchten. Es besteht noch wenig gesellschaftlicher Konsens bzgl. der Rollenbilder: alte Menschen sollen arbeiten – aber keine Arbeitsplätze wegnehmen, sie sollen sparen – aber konsumieren,…. Wir wissen nicht, wie mit diesem Segment der Bevölkerung umgegangen werden soll – hier gibt es Entwicklungsbedarf.

Besonders deutlich wird das beim Themenfeld „Menschen mit Unterstützungsbedarf“, hier überwiegt nach wie vor das behütende, versorgende Prinzip, das Bild der Pflege im engeren Sinn, bei dem Selbstbestimmung und Eigenständigkeit noch wenig Raum haben. Auf Grund vieler unterschiedlich wirkender Aspekte kann keine %-Angabe erfolgen.

 Alles in allem wie weit sind die heutigen Maßnahmen, die in Ö gesetzt werden, sinnvolle Beiträge zu einem guten Leben im Alter? Skala 1-10
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 In wie weit tragen konkrete Projekte, Maßnahmen und Initiativen in Ihrem Kompetenzbereich zu einem guten Leben im Alter bei? Skala1-10
Das Wesentliche war sicher die Trendumkehr von der behütenden und versorgenden zur begleitenden Altenarbeit. Ebenso war es gut, die Eigenständigkeit der älteren Menschen in den Mittelpunkt zu rücken. Oder die veränderten Wohnformen, die Heimarchitektur,… Es ist geglückt, dass das Leben von Menschen mit Betreuungsbedarf mehr an der Normalität orientiert ist als früher – damit ist ein Imagewandel der Institutionen verbunden.
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 Wir wissen alle, dass es heute viele Stolpersteine gibt und das Thema „Alt sein“ fragmentiert angegangen wird. Welche Grenzen und Bruchstellen müsste man Ihrer Meinung nach aufheben?
Trennung in Gesundheits- und Sozialbereich, bes. was die Berufsbilder betrifft. Die Auffassung wie man älteren Menschen begegnet, die sich alleine nicht mehr versorgen können.
Trennung zwischen stationär und mobil, die Finanzierungsfragen.
Die Fragestellung, wie man Menschen mittleren Alters für die Frage des eignen Alterns interessiert kann.

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