Interview mit Andreas Heller

Univ-Prof. Dr. Mag. Andreas Heller M.A. ist Vorstand des Instituts Palliative Care und OrganisationsEthik an der Alpen-Adria Universität.

Wie alt sind Sie 2050?
95 – also da lebe ich nicht mehr.

Wie stellen Sie sich Ihren Lebensabend vor? Wo werden Sie leben, wie werden Sie betreut sein?
Zu Hause, sitzend auf der Bank, nicht allein, mit einem schönen Rotwein, westseitig, mit Abendsonne – aber das ist natürlich illusionistisch, so wird es nicht sein. Heimplätze wird man sich nicht mehr leisten können. Vielleicht bin ich auch nach Thailand oder Myanmar verschifft, auf einem schwimmenden Boot bereits über Bord geworfen worden … wie auch immer, ich sehe absolut kein positives Bild, die notwendige Umschichtung, die gesellschaftlich notwendig wäre, hat nicht eingesetzt und kommt zu spät, sie ist unrealistisch. Vielleicht kommen dann die Inderinnen und wärmen mir die kalt werdenden Knochen – dafür gibt’s dann in Indien niemanden, der sich um die Alten und die Kinder kümmert. So wie heute in Polen. Für die polnischen Alten und Kinder sind die Frauen nicht da, weil sie bei uns besser verdienen, wir haben in Europa einen Sklavenmarkt im Geschäft um die Rund-um-Versorgung. Wir kaufen uns Betreuungsleistungen, sprich Frauen zu Lasten anderer Gesellschaften. Es findet derzeit in Europa eine Erosion des Sozialen von Ost nach West statt.

Was ist Ihnen dann besonders wichtig?
Ich hoffe, dass ich dann noch soziale Beziehungen habe. Viele müssen es nicht sein, und meine Kinder vielleicht, vielleicht werden sie es auch nicht sein können, weil sie in einer Welt der Hyperflexibilitätserwartung gar nicht am Ort sein können. Eher sozial-freundschaftliche Beziehungen, in denen man aufgehoben ist.

Worauf werden Sie bis zum Schluss nicht verzichten wollen?
Sozial verbunden sein, geteilte Selbstbestimmung, relationale Autonomie – ich bin nicht gut im Unterwerfen, eher ein ungeduldiger Mensch. Ich will sicher die Regie behalten. Maximale medizinische Behandlung lehne ich aus heutiger Sicht ab, aber man ist ja nie sicher, ob man in der Situation, die man nicht antizipieren kann, genau das Gegenteil entscheidet. Die Frage ist natürlich auch, ob man überhaupt noch die Wahl hat, wird diese Option noch angeboten oder ist sie schon vom Marlt der Allgemeinheit, weil es sich nur noch die leisten, die Geld haben..

In Deutschland gibt es seit 2015 ein neues Hospiz- und Palliativgesetz, das spricht vom medizinischen Handlungsplan, dem Advance Care Planning ACP. Care bezieht sich hier auf eine Verfügung für Notfallsituationen z.B. das Thema Wiederbelebung. Krankenkassen betreiben das in Deutschland mit Nachdruck, es geht de facto um kostensparendes Sterben. Man thematisiert also mit den Schwächsten ihre Selbstabschaffung.

Angenommen Ihre Sozialsituation verändert sich dramatisch. Ihre Kinder siedeln in ein anderes Land oder Sie haben gar keine Kinder, die Pensionen reduzieren sich auf eine Mindestsicherung etc. Wie müssten die Strukturen in Österreich aussehen, damit Sie 2050 immer noch gut leben?

Für mich hat „Alter“ einen besonderen „Wert“. Es erinnert uns an das, was auch uns droht. Unsere Leistungsgesellschaft wird Mehrheiten produzieren, die nicht mehr mitkommen. Die Ermüdungserscheinungen haben einen hohen Preis.

Uns muss ein Diskurs gelingen, über das, was uns als Gesellschaft zusammenhält: die Sorge um die Alten und um die Kinder, um die Schwachen und Marginalisierten. Es darf niemandem ein Nachteil entstehen, nur weil er auf andere angewiesen ist. Selbstverständlich hat man sich um uns gesorgt als wir Kinder waren, selbstverständlich sorgen wir uns um die, die uns jetzt brauchen … Das ist Caring. Wird diese „Sorgeorientierung“ freigesetzt, gelingt es uns „Sorge“ positiv zu leben und zu aktualisieren, dann ergibt sich innere Bereitschaft für alte Menschen, aber auch für ökologische Fragen, den Planet, die Erde, das Ganze …Menschen sind sehr gebefreudig, wenn Sie Sinn, Bedeutung und Zugehörigkeit erfahren. Oft definieren sie sich mehr über ihr ehrenamtliches Engagement als über ihren Brotjob.

Denken Sie bitte an medizinische Versorgung, soziale Eingebundenheit Wohnsituation, kulturelle Möglichkeiten?

Man muss das lokale Biotop stärken. Das könnte Politik forcieren. Wir impulsieren von unserem Institut an der IFF gerade das Konzept der Caring Communities in Landeck und in zwei Gemeinden in Deutschland. Dabei arbeiten wir mit nachbarschaftlich überschaubaren Einheiten. Pflegende Angehörige werden aus der Isolation an runde Tische zum Austausch geholt. Das Echo war enorm. Wir hatten mit 20 bis 50 Personen gerechnet, gekommen sind 140. Die drängendsten Fragen der Menschen: „Einsamkeit“ und „Was schulden wir einander?“ – also im Sinne einer Lebensbilanz gegenüber der Mutter oder dem Partner. So bleiben pflegende Angehörige nicht auf individualisierten Schuldgefühlen sitzen. Im Austausch entsteht ein neues Narrativ, persönliche Entlastung und damit Qualität in der Pflege.

Investieren sollten wir alle in Intergenerationsbeziehungen: mit Anteilnahme, Interesse, Absichtslosigkeit. Warten, dass man im Alter angerufen wird, ist der direkte Weg in die Einsamkeit. Man sollte sich interessieren für die Anderen, für die Jungen, für ihr Leben, das kann man auch im Rollstuhl. Selbstmitleid ist immer schon wenig einladend für wesentliche Gespräche.

Spannend wird es, wenn jetzt die alten 68er in die Pflegeheime kommen. Da kommen Frauen, die selbstbestimmt gelebt haben, die kommunizieren und sich auf die Füße stellen können. Diese Generation wird das Altersheim revolutionieren, falls sie überhaupt noch dorthinein gehen.

Altenheime brauchen bekanntlich 25 Jahre Vollauslastung, um sich zu amortisieren. Für mich sind sie ein Auslaufmodell, weil der Flexibilisierungswunsch und das Freiheitsbedürfnis der kommenden Generationen hier nicht befriedigt werden kann. Hier steht eine Generation vor der Türe, die nicht fremdbestimmt gelebt hat, die eigene Erwartungen und Vorstellungen hat. Darauf ist man weder von der Struktur der Einrichtungen noch vom Personal vorbereitet.

Alles in allem wie weit sind die heutigen Maßnahmen, die in Ö gesetzt werden, sinnvolle Beiträge zu einem guten Leben im Alter? Skala 1-10
1-2

Politik weiß alles, hat vieles auf dem Tisch, aber keiner traut sich an das Thema heran. Alte und Sterbende haben keine Lobby. Soziale Themen sind scheinbar nicht attraktiv genug für Wahlen. Die Forschungsbudgets gehen in unserem Feld immer mehr zurück, nur Privatstiftungen zahlen diese gesellschaftspolitisch relevanten Themen, nicht die öffentliche Hand.

In wie weit tragen konkrete Projekte, Maßnahmen und Initiativen in Ihrem Kompetenzbereich zu einem guten Leben im Alter bei? Skala1-10
7-8

Mit einer halben Millionen Euro könnte man in Österreich die Caring Communities flächendeckend einführen. Das ist ein Klax, wenn ich an das Geld denke, mit dem Pharmaentwicklungen gefördert werden. Kein seriöser Arzt fängt damit seine Forschung an. Der Forschungsmainstream ist derzeit grausam. Wir sehen zum Beispiel Demenz nur als medizinisches Phänomen und nicht als soziales Phänomen. Wenn ich Gutachten zu Forschungsarbeiten schreibe, bin ich immer wieder entsetzt wie asthmatisch eng sie in ihrer Spezialisierung bleiben. Wir brauchen eine UmCare, eine Sorgerevolultion. Dieses Aktionsnetzwerk „Alt sein und gut leben“ wird hoffentlich zu einem breiteren, gesellschaftlichen Diskurs beitragen.

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