Interview mit Ulrike Huemer

Mag.a Ulrike Huemer ist Chief Information Officer der Stadt Wien und für die Digitalisierung der Bundeshauptstadt verantwortlich.

Wie alt sind Sie 2050?
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Wie stellen Sie sich Ihren Lebensabend vor? Wo werden Sie leben, wie werden Sie betreut sein?
Ich will gemeinsam mit meinem Mann auf unserem Bauernhof auf dem Land leben und so lange wie möglich selbständig sein. Die Technologien der Zukunft werden uns das sicher erleichtern – sobald die ethischen Hürden genommen sind. Viele der schweren Pflegeaufgaben könnten Roboter unterstützen. Grundsätzlich glaube ich auch, dass wir länger und gesünder leben, weil es immer stärkere Awareness für die Themen Bewegung und Ernährung gibt.

Was ist Ihnen dann besonders wichtig?
Wahrscheinlich will ich bei den persönlichen Dingen – wie sich waschen oder aufs WC gehen – solange wie möglich unabhängig sein. Ich sehe das gerade bei meiner Mutter, wie schwer es fällt, hier Unterstützung von mobilen Hilfskräften anzunehmen.

Worauf werden Sie bis zum Schluss nicht verzichten wollen?

Auf Freunde, auf den Austausch mit ihnen, auf ein geselliges Leben – ich denke, zu vereinsamen ist im Alter das Schlimmste.

Angenommen Ihre Sozialsituation verändert sich dramatisch. Ihre Kinder siedeln in ein anderes Land oder Sie haben gar keine Kinder, die Pensionen reduzieren sich auf eine Mindestsicherung etc. Wie müssten die Strukturen in Österreich aussehen, damit Sie 2050 immer noch gut leben?
Dann müssten staatliche Organisationen vermehrt Grundbetreuung anbieten – und das möglichst in Partizipationsstrukturen. Wir werden lernen müssen, dass die Gesellschaft gestalten will. Und diese Inputs sind wertvoll! Im Falle von PensionistInnenheimen heißt das: Zulassen, dass ehemalige Tischler, Ärztinnen, Fußpfleger etc. nach wie vor Teile ihrer alten Berufe anbieten und so fit und „gebraucht“ bleiben. Gegenseitige Fürsorge ist das Um und Auf in der Netzwerkgesellschaft. Die Fitten kümmern sich um die weniger Fitten. Bedingt natürlich, dass in unseren Wohnheimen nicht nur Menschen mit hoher Pflegestufe wohnen, sondern auch rüstige Senioren und Seniorinnen, die diesen Lebensabschnitt aktiv in Gemeinschaft erleben wollen. Menschen können nur gestalten, wenn wir Vorschriften loslassen. Und wenn wir in unseren Zukunftsmodellen auch das Intergenerationsthema mitdenken und für Altersdurchmischung sorgen.

Alles in allem wie weit sind die heutigen Maßnahmen, die in Ö gesetzt werden, sinnvolle Beiträge zu einem guten Leben im Alter?
Das kann ich nicht gut beurteilen, weil ich beruflich mit dem Thema Digitalisierung ein anderes Kerngebiet habe. Wir sollten auf alle Fälle stärker Pilotieren und Ausprobieren und das im gesellschaftlichen Dialog – ohne diese Schwere, die heute auf dem Thema Alter liegt. Ältere Menschen sind künftig sicher mündiger und fordernder und die Arbeit im Pflegebereich wird noch herausfordernder und dafür müssen wir uns bereits jetzt vorbereiten.

In wie weit tragen konkrete Projekte, Maßnahmen und Initiativen in Ihrem Kompetenzbereich zu einem guten Leben im Alter bei?
Gemeinsam mit dem FSW haben wir ein Projekt eingereicht, bei dem wir die ersten 100 Wiener Wohnung mit Active and Assisted Living-Technology ausstatten und einen Piloten in der Hauskrankenpflege probieren. Und generell: Das Schulen von digitaler Kompetenz begleitet mich täglich – auch bei uns im Haus.

Wir wissen alle, dass es heute viele Stolpersteine gibt und das Thema „Alt sein“ fragmentiert angegangen wird. Welche Grenzen und Bruchstellen müsste man Ihrer Meinung nach aufheben?
Wir müssen das Thema als gesellschaftliches angehen und nicht als rein medizinisches oder soziales. Viele Entwicklungen werden alte Menschen länger selbstbestimmt leben lassen, denken wir nur an die autonom fahrenden Autos. Auf der anderen Seite: Wer Auto fährt, der handelt nach dem Vertrauensgrundsatz. Ich muss auf andere schauen, wahrnehmen, was auf der Straße passiert und danach handle ich. Was passiert, wenn uns das autonome Auto das Wahrnehmen der anderen Menschen abnimmt. Was passiert mit einer Gesellschaft, die buchstäblich nicht mehr aufeinander „schaut“? Diese soziologischen Fragen sollten in den Fokus rücken, denn sie werden Haltungen verändern.

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