Interview mit Judith Schwentner

Mag.a Judith Schwentner ist Sprecherin für Soziales und Familie, SeniorInnen und Pflege und Abgeordnete zum Nationalrat.

Für das Thema „Alter“ fehlt die Vision – wir haben nur einen kleinsten gemeinsamen Nenner.

Wie alt sind Sie 2050?
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Wie stellen Sie sich Ihren Lebensabend vor? Wo werden Sie leben, wie werden Sie betreut sein?
Ich hatte immer die Vision einer Alters-WG im Freundeskreis. Würde nicht erwarten oder verlangen, dass mich meine Kinder betreuen. Aber ich habe die Hoffnung, dass jemand bei mir ist und ich nicht einsam bin – müssen nicht unbedingt die Kinder sein.

Was ist Ihnen dabei besonders wichtig?
Das soziale Umfeld und natürlich die Möglichkeit recht komfortabel noch zu leben. Das kann dann aber auch in einer anderen und nicht der eigenen Wohnsituation sein.

Worauf werden Sie bis zum Schluss nicht verzichten wollen?
Auf soziale Kontakte.

Angenommen Ihre Sozialsituation verändert sich dramatisch. Ihre Kinder siedeln in ein anderes Land, die Pensionen reduzieren sich auf eine Mindestsicherung etc. Wie müssten die Strukturen in Österreich aussehen, damit Sie 2050 immer noch gut leben?
Es sollte einem die Betreuung und Unterstützung zukommen, die man braucht. Es sollte gewährleistet sein, dass man möglichst sozial gut eingebettet ist, in ein Umfeld in dem man nicht einsam und gut gepflegt ist, plus das bekommt, das man als unmittelbares Bedürfnis sieht. Das muss nicht teuer sein – je innovativer und offener wir hier denken, umso besser. Es ist ein Tabuthema, über andere Wohnsituationen im Alter zu diskutieren – hier sollten wir viel offener sein. Das Zusammenleben mit anderen Menschen ist ganz wichtig – in jeder Lebensphase.

Denken Sie bitte an medizinische Versorgung, soziale Eingebundenheit Wohnsituation, kulturelle Möglichkeiten?
Kulturelle Möglichkeit als Teilhabe am sozialen Leben gehört absolut dazu. Möglichst eingebunden sein in die Gesellschaft – das ist derzeit bei uns nicht gewährleistet. Das „Alter“ ist momentan ein bisschen „außen“ geparkt.

Wenn Sie die Lebensrealität alter Menschen heute mit dem Zukunftsbild von „Alt sein und gut leben“ vergleichen – wieviel % fehlen?
Wir sind auf einem guten Weg, wir müssten aber viel offener auf die Fragen, die sich uns stellen hinschauen. Wir müssten viel positiver auf das Alter hinschauen – aktuell ist es sehr defizitorientiert.
Der Luxus, wie wir alt werden können und dass wir so alt werden, ist uns zu wenig bewusst – aus diesem Blickwinkel sollte diskutiert und dargestellt werden.

Alles in allem wie weit sind die heutigen Maßnahmen, die in Ö gesetzt werden, sinnvolle Beiträge zu einem guten Leben im Alter – auf einer Skala von 1 bis 10?
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In wie weit tragen konkrete Projekte, Maßnahmen und Initiativen in Ihrem Kompetenzbereich zu einem guten Leben im Alter bei – auf einer Skala von 1 bis 10?
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Wir wissen alle, dass es heute viele Stolpersteine gibt und das Thema „Alt sein“ fragmentiert angegangen wird. Welche Grenzen und Bruchstellen müsste man Ihrer Meinung nach aufheben?
Politisch betrachtet die Grenze zwischen Sozial- und Gesundheitsbereich. Aufgrund der geschichtlich bedingten Ressorteinteilung geht sehr viel an Handlungsmöglichkeiten verloren, was den Bereich „Leben im Alter“ betrifft, weil gerade hier die Bereiche verschwimmen, weil sich gerade für diese Zwischenbereiche niemand zuständig fühlt (z.B. Hospizbereich).
Es muss möglichst vereinheitlichte Strukturen geben und es sollte keinen Unterschied machen, in welchem Bundesland man alt wird (vom Angebot der Betreuung). Es können schon Bund und Länder sein, es sollte aber verbindliche Regeln geben. Hier fehlt tatsächlich die Vision – lediglich den kleinsten gemeinsamen Nenner, aber es gibt keine Vision dazu.
Fragmentierung – es gibt sehr viele Player aber der Rahmen ist nicht so, dass diese auch ineinander verschränkt sind, dh es läuft sehr vieles parallel.
Man sollte diesen Bereich der Pflege und Betreuung aus dem privaten, familiären Umfeld nehmen – es braucht mehr professionelle Betreuung und Pflege und sollte nicht Aufgabe der Mütter und Töchter, Frauen sein. Es braucht mehr Bewusstsein für die Angehörigenarbeit und aus diesem Blickwinkel sollte man Veränderungen anstreben. Bei der Kinderbetreuung hat es irgendwann funktioniert, dass es nicht darum geht Kinder aufzubewahren sondern pädagogisch zu betreuen – auch im Alter sollte es professionelle Begleitung geben, in einem sehr wichtigen Lebensabschnitt. Das ist zu wenig.

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