Interview mit Maria Hoppe

Maria Hoppe ist Vorstandsmitglied des Österreichischen Instituts für Validation (ÖIV) und leitet das Projekt „Entwirrt Alzheimer“.

Wie alt sind Sie 2050?
103 Jahre

Wie stellen Sie sich Ihren Lebensabend vor? Wo werden Sie leben, wie werden Sie betreut sein?
Ich bin gerade übersiedelt von einer Villa (3 Personen, jeder einen eigenen Stock – Mutter, mein Mann und ich). Die Mutter ist verstorben, die Villa war nicht barrierefrei und zu groß für zwei Personen, daher habe ich mir mit meinem Mann neue Wohnungen angesehen, mit entsprechender Infrastruktur (Bus,…). Jede/r von uns wollte je drei Zimmer (eines davon auch schon für 24h-Betreuung eingeplant) – also auch schon vorgesorgt. Zwei Wohnungen nebeneinander, mit Durchgang, kleinem Gärtchen. Mein Mann und ich würden gerne in der eigenen Wohnung bleiben.

 

Was ist Ihnen dann besonders wichtig?
Selbstbestimmung – ich möchte keinem Gießkannenprinzip ausgesetzt sein, sondern möchte flexibel wählen können. Das hängt natürlich auch von den finanziellen Möglichkeiten und sonstiger Unterstützung ab. Wichtig sind mir soziale Kontakte und vielfältige Beziehungen auch im fortschreitenden Altern neu schaffen und erhalten zu können, wobei ich davon ausgehe, dass es nicht so leicht möglich sein wird, Freundschaften pflegen zu können, wenn ich womöglich alleine übrig bleibe. Daher sind vielfältige Aktivitäten auf unterschiedlichen Gebieten für mich wichtig, um auch neue Kontakte knüpfen zu können. „Situationsorientiert“ leben zu können ist mir dabei sehr wichtig, das heißt für mich: lernen und Lösungen finden in der jeweiligen Situation, auch wenn ich beeinträchtig sein sollte. Ich möchte mich an der jeweiligen Situation orientieren und mich dann entscheiden, wie es weitergehen kann – sofern ich noch entscheiden kann. Zum Thema Vorsorgevollmacht – hier stellt sich mir die Frage, wen ich ansprechen will aus meinem Bekanntenkreis, und wer möchte denn überhaupt Agenden entsprechend der Vollmacht übernehmen?!

Worauf werden Sie bis zum Schluss nicht verzichten wollen?
Kommunikation und soziale Einbindung ist mir wichtig. Sei es über Medien (z.B. Telefon oder Computer) oder physisch

Angenommen Ihre Sozialsituation verändert sich dramatisch. Sie sind alleine, die Pensionen reduzieren sich auf eine Mindestsicherung, finanzieller Background fehlt, etc. Wie müssten die Strukturen in Österreich aussehen, damit Sie 2050 immer noch gut leben

Primär ein Bett und einigermaßen gute Pflege müsste gegeben sein. Für den Fall einer Krankheit sollte Unterstützung angeboten sein. Ich bin Homöopathie-Anhängerin – vermeide daher möglichst die herkömmlichen, schulmedizinischen“ und mitunter teuren Medikamente und hätte das gerne berücksichtigt bekommen. Ich glaube an einen immanenten Sinn – auch für mein Leben und das, was mir begegnet – und nicht an materielle Werte. Daher habe ich keine Angst vor einer Sinnkrise oder dem Sterben. Nachbarschaft wäre schön und das Leben sollte trotzdem sinnerfüllt sein – wenn ich nicht mehr gehen könnte, kann ich vielleicht noch zuhören und mich anderen zuwenden und vielleicht auch etwas bewirken damit. Ich bin davon überzeugt, dass jeder Mensch in die Gesellschaft etwas einbringen will und auch kann! Daher wäre ich dafür, dass man eine Art Grundeinkommen für alle hätte, wo man sich nicht dafür entschuldigen muss, dass man was bekommt um überleben zu können.

Ich versuche, meine Begegnungen im Alltag auf die Frage auszurichten: Wie gehen wir miteinander um, sodass wir uns gegenseitig Wert zugestehen, uns aber auch selbst wertgeschätzt fühlen? Dazu kann ich jederzeit beitragen. Wenn wir es nicht schaffen, ein befriedigendes oder zufriedenstellendes Miteinander zu gestalten, wird diese Gesellschaft verrohen! Dem vorzubeugen, ist jeder von uns gefordert.

 

Denken Sie bitte an medizinische Versorgung, soziale Eingebundenheit, Wohnsituation, kulturelle Möglichkeiten?
Angenommen, ich bin nicht mehr mobil, möchte ich mir die Welt in mein Zimmer holen können (Internet; TV Radio,…). Ich möchte aber nicht in dem Sinn mit Fernseher „betreut“ werden, dass man diesen ohne mich zu fragen oder ohne dass mich das interessiert, einschaltet.

Ich wünsche mir, Möglichkeiten des Selbstausdrucks zu finden oder angeboten zu bekommen (z.B. Ergotherapie, Aktivierung…) – möchte etwas gestalten, im Austausch sein, möchte mich auch kulturell austauschen und an Aktionen beteiligen können. „Langeweilevertreiber“ brauche ich keinen. Je nachdem welche Fähigkeiten ich noch habe, möchte ich was schreiben, malen, Theater spielen, Wände bemalen – oder eventuell auch etwas für den öffentlichen Raum einbringen. Bei uns Älteren liegt ein großes Potenzial – aber hier braucht es Mediatoren oder Menschen, die die Leute zusammen bringen. Die brauchen die Fähigkeit, die jeweiligen Gruppen zu fördern und gegenseitigen Respekt und Achtung zu unterstützen. Ich denke etwa auch an die Regionalentwicklung, wo ältere Menschen als „Regionenerhalter“ und Ideengeber mit ihrem Erfahrungsschatz eingebunden werden könnten. Strukturell sollte gewährleistet sein, die Mobilität und Erreichbarkeit von Angeboten zu erhalten. Wenn ich Kultur genießen will, muss ich wohin kommen – und das auch ohne Auto, das heißt, es braucht kleinräumige Versorgungsnetze – aber nicht nur beim Verkehr, sondern auch kulturell und betreffend Einkaufsmöglichkeit, Arzt ,…

Die Tendenz sich selbst versorgen zu können, nimmt ab – Die Schaffung, Ermöglichung und der Ausbau von „Selbstversorgergemeinschaften“ wäre hierzu eine Idee, dem zu begegnen, z.B. meine Früchte des Gartens im Tausch, … hier könnte jeder was einbringen. Man könnte sich dann weiter mit anderen solchen Gemeinschaften vernetzen. Jede/r kann ein/e prozess- oder situationsorientierter Entwickler sein und zum Wachsen aller beitragen. In so einer Gemeinschaft könnte jeder eine Rolle haben und sich sinnvoll, nützlich und gebraucht fühlen. Es geht um das Finden von individuellen Rollen für ein gedeihliches Miteinander. Diese Rolle kann auch die des Zuhörers sein – und diese Rolle ist genauso wichtig wie andere.

Man müsste ein „Bewertungssystem“ für das „Alltägliche“, das getan wird ohne nach Bezahlung zu fragen, einführen. Auch das Tun im sozialen Austausch oder die Pflege der Natur – ein „leistungsorientierter Index“, der vom Geldbemessungswert entkoppelt wird – eine volkswirtschaftliche Anerkennung von „Dienstleistungen“, die teuer bezahlt werden müssten, wenn sie dazugekauft werden müssten.

 

Wenn Sie die Lebensrealität alter Menschen heute mit dem Zukunftsbild von „Alt sein und gut leben“ vergleichen – wieviel % fehlen
Ich glaube, dass wir vermehrt Menschen, die aus dem Blickfeld gefallen sind (krank, alt,…), wieder zurückholen müssen. Die Integration und Inklusion muss deutlich vorangetrieben werden. Wie können wir es schaffen, die Inklusion aller Menschen weiterzuverfolgen, sie als wertvolle Mitglieder in die Gesellschaft sichtbar zu machen? Das Wegsperren von Menschen, die anders sind als das vermeintlich Normale, werden wir uns so nicht weiter leisten können. Es wird notwendig sein, dass wir umgekehrt denken: jeder Mensch hat einen guten Kern und den soll er einbringen können. Inklusion und Teilhabe anstatt wegsperren.

Menschliches Anderssein als wichtigen „Störfaktor“ und Bereicherung anerkennen – z. B. die Langsamkeit des Alters nutzen als Gewinn zum Lernen, sich zu entschleunigen! Ich kann zur vorgelegten Frage nicht wirklich eine Prozentangabe machen.

 

Alles in allem wie weit sind die heutigen Maßnahmen, die in Ö gesetzt werden, sinnvolle Beiträge zu einem guten Leben im Alter? Skala 1-10

Grundsätzlich sind es ganz gute Maßnahmen, wobei der Umstand, dass das Pflegegeld nicht zweckgebunden ist, ich für nicht wirklich gut empfinde. Es gibt grundsätzlich gute Möglichkeiten, man muss aber wissen, wie man zu den Leistungen kommt – da gibt es noch Lücken an Wissen, Information und Aufklärung. Manche Menschen möchten auch keine Unterstützung annehmen, weil sie sich dadurch beschämt fühlen – hier wäre aufsuchende Beratung wichtig.

Ich sehe hier auf der Skala eine 5, wobei die Materie so komplex geworden ist, dass es schwierig ist, eine kurze und übersichtliche Zusammenschau zu vermitteln und zu bekommen.

In wie weit tragen konkrete Projekte, Maßnahmen und Initiativen in Ihrem Kompetenzbereich zu einem guten Leben im Alter bei? Skala1-10
Ich glaube schon, dass das Bewusstsein für eine wertschätzende Kommunikation ein wenig gestiegen ist – da haben wir (im Österreichischen Institut für Validation) einen entsprechenden Schwerpunkt zur Förderung eines wertschätzenden Umgangs mit Menschen mit Demenz gesetzt. Ich schätze die Frage mit einer 7 ein – aber es gibt noch mehr zu tun.

Wir wissen alle, dass es heute viele Stolpersteine gibt und das Thema „Alt sein“ fragmentiert angegangen wird. Welche Grenzen und Bruchstellen müsste man Ihrer Meinung nach aufheben?
Man müsste auf alle Fälle das „Altern“ als einen völlig normalen Prozess darstellen – in Medien, Geschichten, Leute erzählen lassen (z.B. Am Schauplatz,…), Randthemen müssen ins Bewusstsein gebracht werden.

Wir haben die Situation, dass einerseits alles gesetzlich geregelt ist, wir aber im Realleben soziale Wesen sind – diese Ebenen spießen sich mitunter. Es ist ein sehr weites Feld, das Thema in verschiedene Bereiche zu trennen ist gut – Altersministerium würde ich aber eher ablehnen. Eher Ministerium für „Gesellschaftliches Miteinander“, ohne den Ausdruck, dass es um verschiedene Altersgruppen geht: Jugend- und Familienministerium, Altersministerium, …

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