Interview mit Julian Hadschieff

Mag. Julian Hadschieff leitet als Vorstandsvorsitzender die PremiQaMed Gruppe, ist geschäftsführender Gesellschafter der HumanoCare und Obmann des Fachverbandes der Gesundheitsbetriebe der WKO.

Wie alt sind Sie 2050?
91

Wie stellen Sie sich Ihren Lebensabend vor? Wo werden Sie leben, wie werden Sie betreut sein?
Ich denke zu Hause – von angestellten Pflegekräften unterstützt und betreut.

Was ist Ihnen dann besonders wichtig?
Ein schützendes Environment, in dem ich so aktiv sein kann wie ich möchte oder es noch kann. Auf alle Fälle ein hoher Selbstbestimmungsgrad in einem liebe- und vertrauensvollen Miteinander mit meiner Familie.

Worauf werden Sie bis zum Schluss nicht verzichten wollen?
Ich will sicher Kontakte zur Außenwelt haben, Kommunikationstechnologien und Medien werden uns da helfen. Auf alle Fälle wird es wichtig sein, geistig aktiv zu blieben.

Angenommen Ihre Sozialsituation verändert sich dramatisch. Ihre Kinder siedeln in ein anderes Land oder Sie haben gar keine Kinder, die Pensionen reduzieren sich auf eine Mindestsicherung etc. Wie müssten die Strukturen in Österreich aussehen, damit Sie 2050 immer noch gut leben?
Wenn das passiert, dann kann jeder froh sein, wenn er respektvoll und mit Würde betreut wird. Dann geht es um die Sicherung der Grundbedürfnisse. Im Grunde ist das ein Nachkriegsszenario. Wahrscheinlich funktioniert vieles lokal durch Freiwilligenarbeit ganz gut. Die Gesellschaft würde zusammenrücken, es gäbe dann wahrscheinlich lokale Strukturen mit reduziertem Individualitätsgrad.

Denken Sie bitte an medizinische Versorgung, soziale Eingebundenheit Wohnsituation, kulturelle Möglichkeiten?
Für die soziale Eingebundenheit ist es wichtig, dass die Einrichtungen zentral liegen und nicht wie in den 70er-Jahren an der Peripherie. Damit hätte man auch gleich die Nähe zu den medizinischen Strukturen, die man allerdings weniger brauchen wird. Die ganze Schmerztherapie wird ambulanter und oraler werden. Wohnsituation? Ich bin heute schon ein Gegner dieses 1-Zimmer-Dogmas. Zum Schlafen ja – klein, behaglich, fein. Sonst sollten wir baulich die Interaktion der Bewohnerinnen und Bewohner unterstützen. In Japan ist das so, aber dort passiert ja das ganze Leben mehr im Kollektiv und weniger individuell.

Alles in allem wie weit sind die heutigen Maßnahmen, die in Ö gesetzt werden, sinnvolle Beiträge zu einem guten Leben im Alter?
Wir sollten uns viel mehr am Ergebnis orientieren. Das Ziel ist doch empfundene Lebensqualität von alten Menschen. Derzeit geht es um Struktur- und Prozessqualität. Es wird so viel reguliert und teilweise völlig über das Ziel hinausgeschossen. Das bringt kein Mehr an Lebensqualität und verhindert sinnvolle wirtschaftliche Entwicklung.

Wir haben gerade in Salzburg eine Wachkoma-Station gebaut. Das wichtigste für diese Patienten: Reize, die sie bekommen, also Ansprache. Vorschrift sind Einzelzimmer mit Sanitärbereich. Im Einzelzimmer ist auf alle Fälle weniger los als in einer Mehrbettsituation. Okay, ich habe mobile Wände durchgesetzt, aber bis jetzt haben wir sie nie rausgenommen. Es bleibt – oft auch auf Wunsch der Angehörigen bei dieser isolierten Situation. Per Vorschrift braucht jeder Wachkoma-Patient sein eigenes barrierefreies Bad. Vielleicht nutzt man das jeden 2. Tag für sagen wir 45 Minuten – die Vorschrift, wie oft man Wachkoma-Patienten duscht, hab ich jetzt nicht im Kopf. Dafür jedenfalls bauen wir bei zehn Betten, zehn dementsprechend große und dementsprechend ausgestattete Nassräume. Und reinigen sie laufend. Davon hat der Wachkoma-Patient nichts – gar nichts.

Bei einem Besuch in Schweden beim Karolinska Institute habe ich gelernt, welchen Unterschied es macht, wenn man radikal die Lebensqualität der Patienten in den Mittelpunkt stellt und alle Entwicklung daran orientiert. In Österreich sind wir zwischen Zertifizierung und Regulierung gefangen – und das alles in neun Bundesländervarianten. Dazu kommt, dass die ganze gesellschaftliche Diskussion polarisiert ist. Wir Private sind vielen „Gutmenschen“ suspekt und umgekehrt kann ich das Argument „Mit alten Menschen darf man kein Geld verdienen“ auch nicht mehr hören. Die öffentliche Sozialinfrastruktur wie wir sie heute kennen, ist 2050 sicher nicht finanzierbar. Wir brauchen neue Konzepte und da können wir Private allemal einen guten Beitrag leisten. Ich freu mich über diese Initiative „Alt sein und gut leben 2050“, die geplante Vernetzung aller Stakeholder ist dringend nötig.“

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