Interview mit Charlotte Staudinger

Charlotte Staudinger war Generaloberin im Wiener Krankenanstaltenverbund und hat die Geschäftsbereiche Strategische Planung und Qualitätsmanagement geleitet.

Wie alt sind Sie 2050?
101 

Wie stellen Sie sich Ihren Lebensabend vor? Wo werden Sie leben, wie werden Sie betreut sein?
Ich werde solange es geht in meiner Wohnung leben, die jetzt schon relativ behindertenfreundlich ausgestattet ist. Ich werde – falls es erforderlich ist – soziale Dienste in Anspruch nehmen müssen. Ich habe keine Kinder und mein Mann ist älter als ich. Wenn ich so stark pflegebedürftig bin, dass das Leben zuhause nicht mehr möglich ist, werde ich einen Pflegeheimplatz in Anspruch nehmen.

Natürlich mache ich mir Gedanken über die Finanzierung und habe mir schon überlegt, dass ich – obwohl ich nicht zu den Ärmsten in der Bevölkerung gehöre – mit dem, was ich habe, gut haushalten muss. Das jetzige System so ausgerichtet ist, dass zwar auf Vermögen und Besitz zu fast 100% zurückgegriffen wird und dann die Sozialhilfe greift; aber was ist, wenn das System sich ändert? – das ist ein relativ beunruhigender Gedanke.

 

Was ist Ihnen dann besonders wichtig?
Ich möchte nicht auf die Kultur verzichten (Theater, Konzerte), hier werden Transportdienst interessant. Nicht verzichten möchte ich auch auf gewisse sportliche Aktivitäten um fit zu bleiben. Wichtig sind soziale Kontakte und ich hoffe, dass auch Freunde eine gewisse Mobilität haben. Auch Reisen möchte weiterhin machen sowie mich aktiv an der gesellschaftlichen Weiterentwicklung beteiligen – mitreden und mitgestalten, ein bisserl aufmüpfig sein!

 

Worauf werden Sie bis zum Schluss nicht verzichten wollen?
Ich möchte nicht auf eine professionelle Begleitung verzichten. Ich möchte nicht haben, dass mein Mann in den Zugzwang kommt, mich unter Ängsten, Befürchtungen und unter enormen emotionalen Aufwand betreuen zu müssen. Wenn Angehörige da sind ist es gut, aber die dürfen nicht verpflichtet werden – im Gegenteil, Angehörige gehören hier aktiv unterstützt! Ich möchte explizit nicht auf einer Intensivpflegestation betreut werden.

Angenommen Ihre Sozialsituation verändert sich dramatisch. Das soziale Umfeld ändert sich, die Pensionen reduzieren sich auf eine Mindestsicherung etc. Wie müssten die Strukturen in Österreich aussehen, damit Sie 2050 immer noch gut leben?
Die Finanzierung der Altersversorgung gehört in ein geregeltes System wie z.B. im Gesundheitssystem, da hab ich eine Sozialversicherung. Die Frage ist, ob eine Pflegeversicherung oder ein anderes Finanzierungsmodell mit einem gesetzlichen Anspruch im Alter möglich ist – meiner Meinung wäre dies erforderlich.

Denken Sie bitte an medizinische Versorgung, soziale Eingebundenheit Wohnsituation, kulturelle Möglichkeiten?
Die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ist wichtig. Wir haben genügend Situationen wo Menschen zuhause alleine sitzen – darum muss man sich kümmern.

Wenn Sie die Lebensrealität alter Menschen heute mit dem Zukunftsbild von „Alt sein und gut leben“ vergleichen – wie viel % fehlen?
Bezogen auf Wien ist so ziemlich alles was es braucht da, aber es gehört besser strukturiert und organisiert. Für Gesamtösterreich fehlt mir der Überblick. Der alte Mensch sollte Anspruch auf einen Ansprechpartner, der für ihn den Bedarf feststellt und Erforderliches organisiert, haben.

Es gibt eine Hol- und Bringschuld der Menschen, d.h. Information muss zur Verfügung gestellt werden aber ich muss mich auch selbst darum kümmern, dass ich die Angebote nutzen kann. Aber es sollte eine Ansprechperson geben, die das dann auch alles organisieren und ältere Menschen unterstützen kann.

Alles in allem wie weit sind die heutigen Maßnahmen, die in Ö gesetzt werden, sinnvolle Beiträge zu einem guten Leben im Alter? Skala 1-10
7

In wie weit tragen konkrete Projekte, Maßnahmen und Initiativen in Ihrem Kompetenzbereich zu einem guten Leben im Alter bei? Skala1-10
7; mein Ärger war und ist, wenn gute Projekte nicht nachhaltig verankert werden konnten. Wenn Projekte in die Nachhaltigkeit gehen, hat das eine enorme Kraft!

Wir wissen alle, dass es heute viele Stolpersteine gibt und das Thema „Alt sein“ fragmentiert angegangen wird. Welche Grenzen und Bruchstellen müsste man Ihrer Meinung nach aufheben?
Grenzen zwischen ambulantem und stationärem Bereich sollten aufgelöst werden. Kompetenzaufteilung zwischen den Berufsgruppen nicht als Grenze sehen, sondern als Chance sehen! Bezüglich Kompetenzen finde ich es nicht schlecht, dass die Grundsatzgesetzgebung beim Bund und die ausführende Gesetzgebung beim Land angesiedelt sind. Ich denke nicht, dass es besser wäre alles an den Bund abzugeben, aber eine bessere Abstimmung wäre wichtig. Man kann durchaus sagen, dass eine Qualitätssicherung (Struktur- und Prozessstandards) auf Bundesebene angesetzt werden kann, mit allgemeinen Standards und Richtlinien, es muss aber auf die Gegebenheiten der Länder heruntergebrochen werden; z.B. Personalausstattung. Hier müssen Bedürfnisse der Länder berücksichtigt werden. Allerdings wäre es hilfreich,
diesbezüglich die Gesetze der Länder aufeinander abzustimmen.

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