Interview mit Gerald Bachinger

Dr. Gerald Bachinger ist Patientenanwalt in Niederösterreich und auch Sprecher der österreichischen Patientenanwälte. Er hat Lehraufträge an der Medizinischen Universität Wien und an der Donau Universität Krems.

Wie alt sind Sie 2050?
Weit über 80 (lächelt)

Wie stellen Sie sich Ihren Lebensabend vor? Wo werden Sie leben, wie werden Sie betreut sein?
Ich habe eine sehr traditionelle Ansicht, wie sich das bei mir entwickeln sollte – wir haben eine sehr große Familie mit sechs Kindern. Ziel wäre es, dass ich hier vernetzt im engeren Familienkreis den Lebensabend verbringen kann. Das ist mit einer aktiven Rolle verbunden. Ich möchte auch in 34 Jahren noch eine aktive Rolle spielen, nicht der sein, der passiv betreut wird. Ich möchte auf Enkelkinder aufpassen, bei verschiedenen Situationen in der Familie einspringen, bei Aktivitäten mitmachen…also in Richtung Aktivität und nicht in Passivität.

Für mich ist das eine Sache, die ich nicht in dreißig Jahren plane, sondern das plane ich jetzt und ich halte viel von Eigenverantwortlichkeit! Ich halte mich fit, möchte meine Ressourcen stärken und aufbauen, um später Reserven zu haben. Das sind sehr langfristige Prozesse bei denen man auf Körper und Seele achten muss. Ich halte den, aktuell immer wieder in Diskussionen hervorkommenden, ideologischen Konflikt für falsch – nämlich die Polarisierung zwischen Eigenverantwortung und solidarische Gesamtverantwortung des Staates. Beides muss vorhanden sein und beides muss sich ergänzen und befruchten. Die staatlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen müssen ein eigenverantwortliches Agieren fördern und unterstützen, im Sinne eines Empowerments.

Was ist Ihnen dann besonders wichtig?
Das familiäre Umfeld und der soziale und gesellschaftliche Kontakt sind ein zentraler Punkt. Ich glaube, dass das Unterstützung braucht, dass man die Dienstleistungen zu den Betroffenen bringen muss. Dass man sehr niederschwellige Konzepte für die Betroffenen machen muss, dies sollen aufsuchende und proaktive Konzepte sein. Da geht es nicht nur um Pflege, sondern auch um alltägliche Lebensbewältigung. Die Leistung muss zu den Menschen kommen und nicht die Menschen zu den Leistungen. Wir müssen uns präventiv und proaktiv darum kümmern – hier hat die öffentliche Hand eine Verpflichtung, damit gewisse negative Auswirkungen, wie zB Vereinsamung, nicht zum Tragen kommen.

Worauf werden Sie bis zum Schluss nicht verzichten wollen?
Selbstbestimmung ist dabei für mich ein sehr wichtiges Thema.

Gesellschaftliche Perspektive
Generelle Anmerkung: Für mich ist es ein wesentlicher Punkt, dass wir eine ordentliche Versorgung haben – im Gesundheits- und Sozialbereich. Ich denke, dass das insgesamt für das soziale Gefüge Gift sein wird, wenn diese Versorgung nicht zur Verfügung steht, da dies die Grundfeste für ein gutes Miteinander sein werden – auch für die Wirtschaft.

Angenommen Ihre Sozialsituation verändert sich dramatisch. Ihre Kinder siedeln in ein anderes Land, die Pensionen reduzieren sich auf eine Mindestsicherung etc. Wie müssten die Strukturen in Österreich aussehen, damit Sie 2050 immer noch gut leben?
Die Grundbedürfnisse müssen erfüllt sein. Wenn man keine Vorsorge getroffen hat, kann man auch nicht viel erwarten. Wir werden immer ein Drittel von Menschen haben, die nicht vorausdenken – da gibt es dann eine politische Verantwortung, auch für diese Leute eine Perspektive oder Ziel zu haben, damit diese Leute nicht an den Rand gedrängt werden. Es gibt auch eine Verantwortung der Besserverdienenden/Bessergestellten an die anderen zu denken – durchaus weil es auch einem selbst dadurch besser geht.

Denken Sie bitte an medizinische Versorgung, soziale Eingebundenheit Wohnsituation, kulturelle Möglichkeiten?
Ich glaube, dass die Potenziale in kulturellen Bereichen, die nicht mich persönlich betreffen, die mir aber einen positiven Wert in meinem Leben geben, in Zukunft sehr wichtig sein werden. Einen 80jährigen von heute kann man nicht mit einem älteren Menschen im Jahr 2050 vergleichen.
Wir werden andere Potenziale haben, da gilt es vorzuarbeiten. Ich denke, es wird genügend Leute geben, die auch durchaus etwas zurückgeben wollen und ihre Potenziale für die Allgemeinheit nutzen wollen.

Wenn Sie die Lebensrealität alter Menschen heute mit dem Zukunftsbild von „Alt sein und gut leben“ vergleichen – wieviel % fehlen?
Wenn man einen längeren Zeithorizont betrachtet, sind wir auf einem sehr guten Weg. Das Individuum mit seinen Bedürfnissen besser wahrzunehmen und zu betreuen – hier haben wir eine gute Entwicklung und ich bin sehr optimistisch.

Alles in allem, wie weit sind die heutigen Maßnahmen, die in Ö gesetzt werden, sinnvolle Beiträge zu einem guten Leben im Alter? Skala 1-10
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In wie weit tragen konkrete Projekte, Maßnahmen und Initiativen in Ihrem Kompetenzbereich zu einem guten Leben im Alter bei? Skala1-10
Das ist für mich der Schlüssel, dass ich mit sehr konkreten Maßnahmen und individuellen Lösungen ansetze. 10

Wir wissen alle, dass es heute viele Stolpersteine gibt und das Thema „Alt sein“ fragmentiert angegangen wird. Welche Grenzen und Bruchstellen müsste man Ihrer Meinung nach aufheben?
Die riesige Herausforderung für uns, die wir nicht kurzfristig lösen werden können: Sektorengrenzen, Finanzierungskreise. Der Ansatz wäre, vermehrt volkswirtschaftlich zu denken, wir können jedoch niemanden vorwerfen, wenn er betriebswirtschaftlich denkt – durchaus auf Kosten anderer Sektoren. Wir müssen eine ganzheitliche Linie finden bei der Ressourcenallokation – z. B. Gesundheits- und Sozialwesen, aber durchaus flankierend durch andere Bereiche, durch die man einzelne Maßnahmen auch gemeinsam finanzieren kann. Das kann man aber nur überwinden indem man Themen oder Aufgaben zusammenfasst. Man soll einen gemeinsamen Finanzierungstopf haben, bei dem ein Konzept von vorne bis hinten durchfinanziert wird!

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